ASTROMIND

Sylvia Grotsch Diplom-Psychologin
Praxis & Schule für Astrologie in Berlin Tel.: +49 (30) 873 10 98 - www.astromind.de

Der Spruch „Wer seine Bestimmung lebt, kann 18 Stunden und mehr arbeiten“ hätte mich fast meine Bestimmung gekostet

Foto: pixaybay.com

von (Kommentare: 3)

C. G. Jung soll das gesagt haben – eine genaue Quelle habe ich nicht, aber der Spruch hatte sich mir fest eingebrannt. Zitiert hatte ihn mein erster Astrologie-Lehrer, Willibald Graf Hochberg, der große Stücke auf den bekannten Psychologen hielt.

Wenn sich Sprüche und Zitate in unserem Kopf festsetzen, dann hat das sicher auch immer etwas mit unserer eigenen Situation zu tun. Als ich diesen Satz hörte, war ich Anfang dreißig und Lehrerin an einer Gesamtschule in Berlin. Da das der völlig falsche Job für mich war, sehnte ich mich schon zu Beginn der ersten Unterrichtsstunde nach der Mittagspause, in der Mittagspause nach dem Ende der letzten Schulstunde. Die Zeit zwischen morgens und später Nachmittag zog sich wie Gummi.

So waren die Ferien dann für mich auch definitiv das Beste und mir graute jedes Mal wieder vor dem ersten Schultag.

Wie verlockend hörte sich da doch das Zitat von C. G. Jung an! Das war es, was ich wollte: das Gefühl, meiner „Bestimmung“ zu folgen und dann locker und leichten Herzens viele Stunden einfach hintereinander zu arbeiten. Ohne auf die Uhr zu schauen, ohne Pausen zu brauchen, ohne nach dem nächsten Urlaub zu schielen.

Aus Begeisterung für das Thema habe ich mich kopfüber in die Arbeit gestürzt

Ich weiß heute, dass ich riesiges Glück hatte. Ich musste den Beruf, der mich so erfüllt, dass die Zeit, die ich mit ihm verbringe, keine Rolle mehr spielt, nicht lange suchen. Er fiel mir einfach per Zufall in den Schoß. Nach fünf Jahren als Lehrerin landete ich in einer astrologischen Beratung und verliebte mich sofort in dieses Instrument, mit dem man den Lebensplan eines Menschen erkennen kann. Ich buchte einen Kurs nach dem anderen, kaufte massenhaft Bücher und machte noch als Lehrerin meine ersten Beratungen.

Entsprechend war – nach der Kündigung bei Vater Staat - mein Arbeitsstil als junge Astrologin. Blind für alles, was es rechts und links im Leben noch so gab, stürzte ich mich in meinen neuen Beruf. Verbrachte Nächte mit Büchern über Astrologie und Horoskopzeichnungen auf dem Sofa (statt schlafend im Bett), hatte mit täglich fünf Beratungen einen komplett ausgebuchten Terminkalender und arbeitete zusätzlich zwei, manchmal sogar drei Wochenenden im Monat als Kursleiterin. Was mich selber begeisterte, wollte ich unbedingt an andere weitergeben!

Außerdem: Wenn man seine Bestimmung lebt, macht es ja auch überhaupt nichts aus, wie eine Kerze an beiden Enden zu brennen. 😊

Die Rechnung kommt viele Jahre später

Nach ungefähr siebenundzwanzig Jahren tauchte dann das erste Stoppschild auf: Jedes Gelenk meines Körpers brannte wie Hölle, inklusive der Handgelenke. Ich war nicht nur unfähig, einen Joghurtbecher zu öffnen, ich war auch unfähig, einen Textmarker in der Hand zu halten, geschweige denn konnte ich ein Blatt Papier auf dem Flip-Chart umdrehen. Also ließ ich die Kurse sein und nahm sie - selbst als eineinhalb Jahre später die Hölle meinen Körper genauso geheimnisvoll wieder verließ, wie sie ihn heimgesucht hatte - nicht wieder auf, zumindest nicht mehr in der alten Form. Ich hatte einfach keine Freude mehr daran, mich über Jahre mit Ausbildungslehrgängen zu binden und fokussierte mich mehr auf Einzelunterricht und Seminare zu besonderen Themen, auf die ich spontan Lust hatte.

Allerdings war ich offenbar immer noch zu sehr im Arbeitsmodus. Vier Jahre später kommt der nächste Besuch. Auf viel leiseren, aber nicht weniger gemeinen Sohlen. Diesmal ohne Schmerzen, aber mit der Aufforderung, meinen Lebensrhythmus, meine Ernährung und auch meine privaten Kontakte zu überprüfen. Diesmal werde ich nicht gezwungen, weniger zu arbeiten, ich fühle mich eher dazu aufgefordert, daran zu denken, dass mein Leben nach hinten hinaus begrenzt ist und dass ich – neben meiner Arbeit – mal überprüfen darf, was eigentlich noch wichtig ist für mich.

Was ich für mich daraus gelernt habe

Ich habe schweinemäßiges Glück gehabt. Beide Krankheiten sind lange vorbei, keine davon hat irgendwelche körperlichen Folgen hinterlassen. Aber sie waren gravierend genug, dass ich meine Lektionen – hoffentlich – gelernt habe:

Der Körper hat seine eigene Gesetzmäßigkeit, nach der er tickt

Der Spruch von C. G. Jung hört sich toll an und ich erlebe immer wieder, dass gerade junge Menschen, die voll im Saft stehen, ihm folgen, ohne ihn zu kennen. Neudeutsch heißt das übrigens nicht mehr arbeiten, sondern „hustlen“ und es gibt viele Youtuber, die das stolz in ihren Videos präsentieren.

Alles verständlich, aber ich denke, dass es einen Körper nicht interessiert, aus welchen Gründen man nonstop achtzehn Stunden am Tag arbeitet. Es interessiert ihn nicht, ob man dabei seiner Bestimmung folgt, denn er braucht seinen Schlaf und seine Pausen. Er braucht sein richtiges Futter, viel Wasser und Bewegung. Nur weil man seine Berufung lebt, ändert der Körper seine Gesetze, nach denen er funktioniert, nicht einfach mal so, nur um uns einen Gefallen zu tun.

Wir verändern uns mit zunehmendem Alter

Was ich ebenfalls gelernt habe: Was ich als junge Frau konnte, geht heutzutage einfach nicht mehr. Das hat nichts mit „alt werden“ zu tun, das hat einfach damit zu tun, mit der einem zugedachten Lebensenergie sorgsamer umgehen zu dürfen. Ich stelle mir das so vor, dass ich mir aus dem mir zugeteilten Topf an Energie in jungen Jahren mehr entnehmen darf, als wenn es ins letzte Lebensdrittel geht. Mich hat das erst ziemlich wütend gemacht, aber ich bin vernünftig geworden: Ich weiß heute, welches Maß an Arbeit ich mir kräftemäßig zumuten kann und will.

Es gibt so viel mehr als unsere Bestimmung

Der Satz von C. G. Jung ist schon deshalb kurzsichtig, weil man nach achtzehn Stunden Arbeit nur noch ins Bett fallen kann. Selbst für mich als Jungfrau-Geborene besteht das Leben noch aus so vielem mehr: Da sind die Zeiten, in denen ich einfach nur in die Luft gucken, ein Buch lesen, mich mit anderen treffen will. Da sind die regelmäßigen Urlaube, die Natur und wohltuende Körperbehandlungen. Dieses Leben ist so voll an schönen Möglichkeiten! Die kann man aber nur wahrnehmen, wenn man nicht den ganzen Tag mit seiner Berufung verbringt.

Man kann durch ständiges Arbeiten auch an seiner Bestimmung die Freude verlieren

Überhaupt ist mir eines aufgefallen: Je mehr ich den letzteren Punkt beachte, desto mehr Freude habe ich an meiner Arbeit. Ich merke heutzutage sehr schnell, wann ich wieder eine Pause einlegen oder etwas ganz anderes machen muss, dann baue ich mir den einen oder anderen freien Vor- oder Nachmittag in meinen Kalender ein. Denn die Menschen, die zu mir kommen, haben ein Recht darauf, dass ich ganz Ohr für ihr Anliegen bin, dass ich mich in ihre Situation hineindenke, gut vorbereitet und auch in einer guten Stimmung bin.

Wenn es um mich ginge, würde ich am liebsten so lange arbeiten dürfen, bis mir eines Tages in hohem Alter sanft der Löffel aus der Hand gleitet. Das geht aber nur, wenn ich nicht täglich achtzehn Stunden arbeite. 😊

Alle Texte auf meiner Website, auch einzelne Teile daraus, unterliegen dem Urheberrecht.

Dieser Artikel wurde am 14.09.2020 von veröffentlicht und befindet sich in den Kategorien:

Sylvia Grotsch. Ich bin Diplom-Psychologin, Astrologin und Coach. Seit 1984 unterstütze ich Menschen mit astrologischen Beratungen und Kursen bei der Entdeckung ihres Potenzials für ein erfülltes und erfolgreiches Leben. Hier finden Sie ausführliche Informationen zu meinen astrologischen Beratungen.

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Kommentare

Kommentar von Claudia W. |

Liebe Frau Grotsch!

Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel! Gerade jetzt wackel ich als mehrfache Freiberuflerin auf dem Grat mehr zu arbeiten um durch den Lockdown verpassten Einkommen nachzuarbeiten oder so vernünftig wie davor zu sein und mein Wohlergehen im Fokus zu behalten. Und ja, es ist schwer zu akzeptieren, dass mit der zunehmenden Anzahl der Lebensjahre auch die Anzahl der Pausen nach oben gehen darf.

Viele Grüße!
Claudia W.

Antwort von Sylvia Grotsch

Liebe Claudia W.,

vielleicht gibt es einen "Mittelweg"? Uns Selbstständigen liegt ja das, was wir tun, immer sehr am Herzen, es kommt nur auf das Maß und die Menge an ...

Liebe Grüße und einen guten, erfolgreichen Wiedereinsteig wünsche ich Ihnen!

S. G.

Kommentar von Kirsten Haenisch |

Liebe Frau Grotsch,
vielen Dank für Ihre sehr persönlichen Zeilen!
Ihr Artikel inspiriert mich zu folgenden Anmerkungen: Im auslaufenden patriarchalen Zeitalter zählte der Geist und die Leistung mehr als der Körper und das Empfinden für dessen Grenzen. Im Gegenteil, schien es ein Bestreben zu geben, über den Körper hinaus zu wachsen. Das weiblich-zyklische Bewusstsein für das Auf und Ab, das Einatmen und Ausatmen, die Notwendigkeit des Ruhens im Ausgleich zum aktiven Tun war zum Teil verloren gegangen oder wurde unterdrückt . In vielen Kliniken spricht dieses "Nichtwissen" deutliche Worte. Abseits des Alltags begegnet man dort einer zunehmenden Zahl von Menschen, die dem Druck unserer Lebenswelt nicht mehr gewachsen sind. Gleichzeitig sind die Qualitäten dieser Menschen noch zu wenig wertgeschätzt.
Meine Hoffnung ist, dass die Zukunft eine zunehmende Balance zwischen männlichem und weiblichen Prinzip bringt. Die nächste Generation (wozu ich meine Kinder zähle) trägt bereits zum Teil dieses neue Bewusstsein in sich. Ich persönlich werde nicht müde, mich für diese Balance einzusetzen, zumal ich selbst einschneidende Erfahrungen mit dem "Abgeschnitten sein" von meinem Körper gemacht habe!
Ganz herzliche Grüße,
Kirsten Haenisch

Antwort von Sylvia Grotsch

Liebe Frau Haenisch,

es liegen ja auch gute 180 Jahre "Erdzeitalter" hinter uns mit seinem Leistungsdruck ... und ja, ich bin auch gespannt, wo wir uns hinentwickeln werden, wobei ich heutzutage bei den "Jungen" oft eine "Körperoptimierung" beobache, was auch nur wieder in Leistung mündet. Da wird alles getrackt, von den Schritten, die man geht, über die Kalorien, über die Tiefschlafphasen ... Mit relaxtem SEIN hat das dann auch wenig zu tun:-).

Liebe Grüße

Sylvia Grotsch

Kommentar von Ursula Lengauer |

Liebe Frau Grotsch,

danke für diesen Bericht! Ja, der Körper stellt seine Stopptafeln auf. Ich bin glücklich und dankbar, dass sie Ihre beachten. Ich möchte noch lange an Ihrer Expertise teilhaben.

Ich breche hier eine kleine Lanze für den alten C.G. Jung 🤩:

erstens hat ihn diese Haltung als jungen Mann selber in den Wahnsinn getrieben (Das rote Buch) und zweitens hat er wohl aus der Sicht eines (durch das Vermögen seiner Frau) wohlhabenden Patriarchen gesprochen. Ähnlich wie bei Thomas Mann, hieß arbeiten für ihn, zu tun, was er wollte, um Ruhe (von der Familie) zu haben. Dazu gehörten ausgiebig Spazierengehen, mit dem Boot und einer jungen Geliebten am See herumpaddeln, nach Mittag ein Schläfchen am Diwan im Arbeitszimmer zu halten, sich selber einen Turm am See zu bauen und dessen Einrichtung zu basteln, sowie ausgedehnte Vortragsreisen im damaligen Tempo zu unternehmen. Für irgendwelche Dinge des täglichen Lebens gab es immer Personal.

Und ich gebe Ihnen völlig Recht, liebe Frau Grotsch, dass diese Haltung „Es ist keine Arbeit, wenn du begeistert bist“, die auf den Sozialen Medien gehypet wird, viele Menschen in Krankheit und Burnout bringt.

Liebe Grüße vom Traunsee
Uschi Lengauer

Antwort von Sylvia Grotsch

Liebe Frau Lengauer,

ich musste gerade herzhaft über Ihren Beitrag lachen! Hat der "alte Knabe" das Paddeln auf dem See mit der Geliebten als Arbeit eingeordnet. Wahrscheinlich hat er da Studien an der weiblichen Seele vorgenommen :-).

Und ja, wir verstehen uns ... solche Sätze sind ja oft auch aus dem Zusammenhang genommen oder stammen aus einer anderen Zeit oder waren in Wahrheit ganz anders gemeint.

Aber es war ein sehr hübscher Aufhänger, mal über mich zu reflektieren (ich bin ja nun bald vierzig Jahre Astrologin mit ungebrochener Begeisterung) und das in einen hoffentlich amüsanten und gleichzeitig nachdenklich machenden Artikel zu packen.

Liebe Grüße

Sylvia Grotsch

 

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